

Ein Meister der Reklamegrafik: Jupp Wiertz
Vor uns steht in der niedrigen Schaufensterauslage der "Bemberg-Kupferseidenstrümpfe für die Dame" ein Meisterwerk der Werbegrafik: Ein Kartonsteller, leicht nach hinten geneigt mit rückseitig angeklebter Stützklappe, um den sich Miederwaren und andere Dessous-Finessen kunstvoll arrangieren. Im Spiegel des polierten Schaufensterglases sehen wir knieabwärts ein Vexierspiel unserer eigenen irdischen Beine auf der Straße im Wechsel mit dem Reklamebild von Jupp Wiertz in der Auslage und wissen: Dies sind nicht unsere, sondern die unendlich langen Beine der göttlichen Marlene. Was sonst fern, verboten und unnahbar ist, wird hier jedoch in einem Schwunge elegant und frech eröffnet: Wir berühren diese Beine, denn unser Blick umschmeichelt sie so unvermittelt und unschuldig wie das blöd' dreinschauende Katerchen, das um die Füße der Diva schnurrt.
Mit kühn raffinierten Kunstgriffen zieht uns der Werbekünstler intelligent und unterhaltsam ins Bild:
(1) Proportion: Das schmalhohe Gesamtformat in der exakten Proportion von 2/3 zu 3/3 betont die schlanke Eleganz der seidenglänzend makellosen Beine, die in der Länge tatsächlich deutlich überdehnt gezeichnet sind. Der alles tragende exakt in der Bildmitte und wie der ins Schwarze einer Zielscheibe plazierte Absatz vom Standbein und die leger nach unten zeigende Fußspitze vom Spielbein betonen diese Vertikale. (2) Räumlichkeit: Aus diesem nagelfesten Stand entfaltet sich die Person mit zunehmender Leichtigkeit und Anmut nach oben aus dem Bild heraus, durch die legere Draperie vom Kleid wie eine Blume. Das Profil vom Standbeinfuß im Kontrast zur Draufsicht vom Spielbeinfuß erzeugt mit einfachsten Mitteln diese hohe Räumlichkeit, die sich dreidimensional in Kniehöhe erschließt. Der Rundlauf des schwarzen Katers setzt die in den Himmel ragenden Säulenbeine in einen begehbaren Raum und macht sie im Wortsinn (jedenfalls um die Füße herum) "zugänglich": Unser Blick wird regelrecht hineingezogen und - als direkte Einladung zur sinnlichen Kontaktaufnahme mit dem Produkt - um die kupferwarmen Waden geschmiegt. (3) Farben und Technik: Eine elegante und modisch-leichte Kombination von heller Kupferbronce, mattgedecktem Mittelrouge und glattem Maislaque kreiert Wiertz für die Dame, die er vor sachlich-hellem Hintergrund mit dem Stumpfnoir des flauschigen Fells des Tieres kontrastiert - nicht nur als Farbe für die allseits bekannten Materialunterschiede, sondern auch in der gewählten Maltechnik: Die aufgestubbte weich-poröse Zeichenkohle mit dem reizvoll-plustrigen Härcheneffekt an der Kontur des Katers kontrastiert mit dem flächigen Rotpastell vom leichten Kleiderstoff, wie ebenso mit der lasurschichtgemalten metallisch-glatten Beinoberfläche und dem weißgehöhten Glanzlack der Pumps. Beinahe hört man die elektrische Entladung knistern bei der Berührung des animalischen Fells mit der feinstfacettierten Kunstseidenschicht. (4) Motiv und Botschaft: Eine humorvolle psychologische Anspielung auf "Die Schöne und das Biest" (wobei das Biest ein auf den ersten Blick harmloses Katerchen ist), eröffnet die Markenwelt der Kupferseide von Bemberg ... (wird fortgesetzt)
Copyright Text und Bilder: Markus Erbach, April 2008
Karton-Schautafel
ca. 330 x 495 mm
um 1928-32
Die Beine von Marlene Dietrich standen Modell für die Schaufenster-Werbetafel vom bekannten Grafiker Jupp Wiertz aus Köln.
Kupferseide war der deutsche Vorläufer der später durch die GI's eingeführten Nylon-Strümpfe. Marlene Dietrich war das Top-Modell der Firma Bemberg und ihrer Damen-Strumkollektion von Ende der 20er bis Anfang der 30er Jahre.